Akupunktur
Sie kommt aus dem Osten und ist mehrere tausend Jahre alt: die Kunst, durch Stechen mit Nadeln zu heilen. Was fasziniert die Menschen daran so sehr?

- Daß man damit unsere Hausmedizin ersetzen können soll?
- Daß auch Süchte, bis hin zur Alkohol und Raucherleidenschaft, durch Nadelstiche verschwinden sollen?
- Daß die chinesischen Nadeln sogar Frauen jünger machen sollen ?
- Daß Akupunktur jeden Schmerz sofort beseitigen und die gefährliche Narkose bei Operationen überflüssig machen soll ?
- Daß schon Prinzen, Dirigenten und Fernsehstars durch Akupunktur ihre Beschwerden für immer losgeworden seien ?
- Daß auch unverstandene Hunde mit Akupunktur wieder fröhlich geworden seien ?
(alles aus Pressemeldungen)
Doch die Körperstellen, in die mit den Wunder- Nadeln hineingestochen wird, sind bis heute noch nicht genau lokalisiert - jeder «Stecher» hat seine eigenen «Punkte», und auch die «Linien», auf denen letztere liegen» sollen, hat noch kein Pathologe finden können. Wie bei der Homöopathie und anderen okkulten Heilverfahren beruhen Wirkungen allenfalls auf Suggestion, so daß man statt des teilweise recht schmerzhaften Stechens die Patienten eigentlich genau so gut auch verprügeln könnte. Man darf eben nicht vergessen, daß diese Medizinvorstellungen aus einem Kulturkreis kommen, in welchem bis vor kurzem auch rohe Kakerlaken, Zikadenhäute, Krötenspeichel, eingedickter Knabenurin und Jungmädchenfleisch «ärztlich» verordnet wurden. Da das «Verfahren» überdies wegen der Gefahr der Verletzung wichtiger Organe lebensgefährlich ist, hat der wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer 1978 vor dieser «Therapie» dringend gewarnt.

Aus den chinesischen Akupunkturlehren, die schon vor unserer Zeitrechnung existierten, hat sich die heutige Akupunktur über die Jahrhunderte hinweggeschleppt. Was geblieben ist, ist nicht besser geworden, sondern stellt einen Rückfall in kultureller und medizinischer Hinsicht dar. Es handelt sich bei der heutigen Akupunktur um ein elektrisches auf den modernen Bedarf zugeschnittenes System, das bald hier, bald da eine Anleihe bei den alten Akupunkturlehren macht. Die Akupunktur wurde in China von Hei1praktikern betrieben, und die Kenntnisse wurden innerhalb von Familien weitergegeben (HUWER). So erklären sich auch die zahllosen Varianten dieser Lehre und die «Ausnahmen». In HÜBOTTERS monströsem Werk werden auch die modernen Akupunkturärzte aus alten Quellen, in deutsche Sprache übersetzt, genügend Hinweise finden, welche ihnen Entschuldigungen beim Versagen der Nadeltherapie geben. Es wäre aber ungerecht, sich über die vor tausend und mehr Jahren kreierten Akupunkturlehren zu amüsieren, denn sie stellen echte Medizingeschichte dar. Sicherlich haben die Chinesen nach BINDER auch das Ephedrin (Asthma) und das Quecksilber (Syphilis) und die Pockenschutzimpfung in die Medizin eingebracht, so daß man die Akupunktur nicht ohne jedes Interesse betrachten darf. Das Akupunktieren hatte nach chinesischer Lehre einen Sinn, denn ihr lag die «Pneuma»-Theorie zugrunde, die Lehre einer Art Lebenskraft, die in und außerhalb der Adern sich ansammelte, staute, verlorenging, von Yin und Yang, den Jahreszeiten, der Himmelsrichtung usw. abhing. Durch das Einbrechen der Nadel, wobei schräg oder gerade, tief oder oberflächlich von vielen Bedingungen abhängig gemacht wurde, sollte das Pneuma drainiert, abgelassen, umgeleitet oder zum Zirkulieren gebracht werden. «Räuberisches», «entartetes», in der Tiefe fließendes, zerstreutes usw. Pneuma mußte beeinflußt werden. Daß es in der chinesischen Medizin noch andere Merkwürdigkeiten gab, verrät das
Buch von LING KÜ KING: Klassische Akupunktur Chinas, Hippokrates, Stuttgart (1974). Würde man nicht sogleich als «kulturhistorischer Ignorant» bezeichnet werden, so müßte man sagen, daß hier ein Konvolut von lauter Unsinn vorliegt. In diesem macht sich auch die Feststellung gut, daß in China auch Menschenfleisch zur Therapie empfohlen wurde (vgl.W. SCHRÖDTER: Menschenfleischsuppe-Medikament in China, Erfahrungsheilkunde 7, 79, 1958).



Da jedes Heilverfahren seine Anhänger findet, auch wenn es auf völlig falschen Vorstellungen beruht oder überhaupt nur auf Behauptungen, so wurde die Akupunktur von China über Japan schließlich auch in Europa bekannt. Die Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts ist bereits voll von Diskussionen über das erregende neue System der Therapie, das weder in die abendländische Humoralpathologie noch in die Anatomie und auch später nicht in die Zellularpathologie hineinpaßte. So wurde über die Lehre der Akupunkturpunkte und «Meridiane» viel geschrieben und auch versucht, sie mit gängigen Vorstellungen zur Deckung zu bringen.

Historische Ansichten über den Wirkungsmechanismus der Akupunktur (19. Jahrhundert). Bescheidene Auswahl:

BERLIOZ (1816) Dem Nerven wird ein Elementarstoff zugeführt, welchen der Schmerz demselben entzogen hat.
CLOQUET (um 1840) Nervenfluidum, das die Nerven durchrinnt und sich fehlerhaft anhäuft und die schmerzhaften Organe belästigt, wird entzogen.
PREVOST (erwähnt 1845) Nadeln werden beim Eindringen in das spiralige Nervengeflecht um die Muskelfasern magnetisch.
SCHÖN LEIN (erwähnt 1845) Haut hält die tierische Elektrizität zurück, die durch die Nadeln abgeleitet wird.
VICO-D' AZYR (1805) Stimulierende und irritierende Wirkung - zur Wiederherstellung der Sensibilität in den Organen wie dieselbe gesunken.
HAIME (erwähnt 1835) Die Nadeln garantieren einen freien Umlauf des Nervenfluidums.
CHURCHILL (deutsch WAGNER 1824) von Theorien von BERLIOZ und HAIME ungenügende Hypothesen. Reizmittel auf das Nervensystem und «vorzüglich wie Hautreitze würkend»
ABEL (1907 in Therapeutisch diente die Acupunctur früher alS Exci-Realenzyklopädie tans und Derivans oder auch «zur Umstimmung der von EULENBURG) Sensibilität», z. B. bei Krämpfen, Rheumatismus, Gicht, Neuralgien. . . . heute durch bessere Methoden fast ganz verdrängt.

Natürlich war hier nichts, aber auch gar nichts zur Deckung zu bringen. Die reichlich verworrenen Ideen kontrastierten zu stark zur modernen Medizin. So hat richtig der chinesische Kaiser erkannt - und das 1822-, daß die Akupunktur nur ein Hemmschuh für die moderne Medizin ist, so daß sie aus dem Ausbildungsprogramm des Imperial Medical College entfernt wurde (SKRABANEK). Eine geradezu «klassische» Schiene zur Ausbreitung der Akupunktur war der Mesmerismus. Die hier vielfach geäußerten Theorien vom Zusammenspiel geheimnisvoller Kräfte auf die «Flutstoffe» und die Erwägung antithetisch wirkender Kräfte aus dem Kosmos, dem Körper und den Magneten lassen mitunter geradezu deckungsgleiche Vorstellungen erkennen (vgl. hierzu WOLFART 1814). Obgleich für den Mesmerismus in Deutschland großes Interesse bestand, scheint sich die Akupunktur nach der Dissertation von ARNOLD (1974) nicht recht durchgesetzt zu haben. Nach ARNOLD soll sie versuchsweise an der Berliner Charite (1830) auf Veranlassung des «Ministeriums der Geistlichen-, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten» erprobt worden sein. Ansonsten ist Sie offensichtlich an den deutschen Universitäten nicht oder nur oberflächlich beachtet worden und wieder in Vergessenheit geraten.

Die heute tätigen Akupunkturisten stehen hinsichtlich der Bemühung, eine Erklärung über den Wirkungsmechanismus der Akupunktur abzugeben, zum größeren Teil weit unter dem Niveau der alten chinesischen Ärzte, die in sehr subtiler Weise ihre Patienten beobachteten; und das recht häufig bei modernen Kurpfuschern, die Akupunktur betreiben, gängige Wort « Die Akupunktur normalisiert . . .» ist in diesen Schriften nicht bekannt.
Beispiel:
BISCHKO 1974. Dadurch erschien die ursprüngliche Betrachtungsweise der alten Chinesen, wenigstens teilweise, bestätigt, wonach die Akupunktur zur Steuerung zweier energetischen Formen, nämlich «Yang» (adrenerg) und «Yin» (cholinerg) befähigt ist und trachten muß, immer ein möglichst genaues Gleichgewicht zwischen den beiden herzustellen.

Daß die Medizin jedes Heilverfahren, das wissenschaftlich begründet ist, akzeptiert, ist bekannt. Darüber hinaus duldet sie auch die verschiedensten Formen der Psychotherapie. Hierher gehört in besonderer Weise auch die Akupunktur. Die eifrigen Verfechter der neuen Spielarten: Elektroakupunktur, Nasenakupunktur, Ohrakupunktur, unvertraut mit der Tatsache, daß auch Psychotherapie einen oft weitgehenden Therapieerfolg haben kann, sind von ihren «Leistungen» jedoch so überwältigt, daß sie in ihren Schriften jeden Bezug zur Realität in der Heilkunde vermissen lassen und, wie es für Außenseiter typisch ist, einen Totalitätsanspruch anmelden, der so weit geht, daß Kritiker sogar einer Art Rückfrageverbot unterliegen: Es sei ja alles schon hinreichend bewiesen! Wie wir nunmehr sehen, ist die Akupunktur eine Domäne der Naturheilkundigen geworden. Und wie es Vereinigungen von Augendiagnostikern, Homöopathen und Wünschelrutenärzten gibt, so haben sich auch die Anhänger der Akupunktur zu Vereinen zusammengeschlossen.

Die Akpunkturpunkte

Mühelos könnten wir an zahlreichen Abbildungen darstellen, daß die Lage der « Akupunkturpunkte» unsicher ist, selbst wenn es solche geben sollte. Wir brauchten nur einige Abbildungen alter und neuer oder nur neuer Bücher nebeneinander zu stellen. Da auch die Höhe und die Tiefe des Einstiches von besonderer Bedeutung sein soll und man die Punkte nicht tasten kann (sie wurden im alten China von Blinden - wegen ihres besseren Tastvermögens «getastet» und so «aufgesucht»), ergeben sich hier interessante Vergleiche mit dem Aufsuchen der ja viel größeren Venen etwa des Armes. Hier sieht man die Stellen, die es durch einen Stich (der nicht immer gelingt) zu erreichen gilt, während man in der Akupunktur die Stellen weder sehen, noch durch Tasten lokalisieren kann, weil sie angeblich mikroskopisch klein sind. Daß sie anatomisch nicht festgestellt werden können, ist klar erwiesen; jede Abbildung zeigt andere Punkte und andere Punkt-Orte (vgl. z. B. Abb. 7). Zu der Frage, ob sie durch elektrische Widerstandsmessungen festgestellt werden können, existiert eine Menge Literatur. Es ist kurios und ganz einfach wissenschaftspraktisch höchst sonderbar, daß etwas, was früher getastet wurde, nunmehr trotz der Gültigkeit der Gesetze der Genetik, wonach die genetische Zusammensetzung (eben auch Fähigkeiten) in einer Population konstant bleibt, nicht mehr getastet werden kann - also eine
Fähigkeit der Menschheit verlorengegangen sein muß. Folge: Der Mensch muß jetzt die Punkte durch elektrische Widerstandsmessung aufsuchen. Im Areal der Akupunkturpunkte soll der Widerstand gegenüber der übrigen Haut vergrößert sein, doch behaupten andere Anhänger der Akupunktur auch genau das Gegenteil. Daß die Widerstandsmeßgeräte, bei denen mittels einer Handelektrode punktförmig Widerstände der Haut gemessen werden können, physikalisch einwandfrei arbeiten, soll einmal unterstellt werden; so bleibt trotzdem sicher unbestritten, daß der Druck, mit dem die Elektrode aufgepreßt wird, und der Schweiß eine Rolle spielen können. Aber selbst dann, wenn ein wegen feuchter Haut entstehender Polarisationsstrom ohne Bedeutung ist, was sagt ein verminderter Meßwert - oder ein erhöhter aus? Wieviele Narben, die in der mikroskopischen Struktur der Haut liegen und bei Serienschnitten festgestellt werden könnten, erwirbt der Mensch während des Lebens - schon in der Kindheit ? Welche Rolle mögen benachbarte oder im Akupunkturbereich liegende Blutgefäße spielen, und selbst, wenn das alles keine Rolle spielen sollte - und die Textur der Haut ohne jeden Belang ist, so erheben sich die Generalfragen,
- ob der «festgestellte» Punkt ein Akupunkturpunkt ist
- ob der Akupunkturpunkt auf einem Meridian im Sinne der Akupunkturisten liegt
- ob er tatsächlich einem Organ oder einem Funktionszustand eines Organs oder eines Systems zuzuordnen ist und
- warum dann, wenn der Akupunkturpunkt wirklich einem elektrischen Phänomen entspricht, eine Akupunktur im alten China mit Steinnadeln vorgenommen wurde und
- warum die Nadeln dann von einigen Anhängern bewegt werden müssen - von anderen hingegen nicht; und wieder anderen legen wir die Frage vor,
- warum sie elektrisch zur Erregung des Gewebes kontaktiert Werden müssen, und wenn, wie wir das gesehen haben, dadurch Muskelzuckungen auftreten,

- warum dann ein Punkt etwa 1 oder 2 cm daneben - bei dessen elektrischer Erregung der Muskel genauso zucken würde - ohne Effekt ist oder einen anderen Effekt haben sollte. Ferner,
- warum Amputierte, bei denen ganze Meridiane und so wichtige Punkte ausfallen, bis ins hohe Alter völlig gesund sein
- warum eineiige Zwillinge, die entwicklungsgeschichtlich aus einem Ei entstehen, das sich longitudinal oder transversal teilt, die Punkte mitunter nicht auch rechts/links wie andere Erbmerkmale spiegelbildlich «vertauscht » haben können, ferner,
- ob bei der Transposition von Organen auch die Punkte transponiert sind ?
Und wie - so fragen wir - verhalten sich die Punkte bei Hautübertragungen oder bei kosmetischen Operationen ? Man kann bei dieser Sachlage und der Tatsache, daß über alle diese Fragen nur herumgeredet wird, einem Gerichtsgutachten folgen, das im Jahre 1965 im Zusammenhang mit der Elektroakupunktur vom Institut für Gerichtliche Medizin der Universität Bonn (Prof. Dr. H. ELBEL) erstattet wurde, in dem es: Von den drei Grundvoraussetzungen der Elektroakupunktur:
a) es gibt die chinesischen Akupunkturpunkte,
b) diese haben eine spezielle Charakteristik des elektrischen Widerstandes,
c) diesen Widerstand kann man mit einer Handelektrode messen, ist die erste unbewiesen und ganz unwahrscheinlich; die zweite und dritte sind falsch.

Die angebliche Spezifität der Akpunktur

Von einer histologischen Spezifität der Akupunkturpunkte kann gar keine Rede sein. KELLNER, Wien, hat hierzu Hautstückchen von sog. Akupunkturpunkten und von Vergleichsstellen untersucht und obgleich die Vergleichsstellen vielleicht nicht glücklich gewählt waren, ergab die Auswertung einer großen Zahl histologischer Serienschnitte (n = 11137) keine histologische Spezifität der Akupunkturpunkte. Die Untersuchungen beinhalten die Häufigkeit der MEISNERschen und KRAUSESchen Endorgane, sowie der HOYER-GROSSER-schen Glomusorgane und glatter Muskulatur. Auf Anfrage teilte der Autor mit, daß durch seine Untersuchung die Existenz von Akupunkturpunkten auch nach seiner Meinung nicht bewiesen sei. Die Anhänger der Akupunktur rühmen nun verschiedene Vorteile ihrer Therapie - wobei sie vollständig übersehen, daß sie das rühmen, was in der Medizin längst aus der allgemeinen Erfahrung bekannt ist, die sich sowohl die Psychiatrie bewußt zunutze macht als auch medizinische Außenseiter und Kurpfuscher ungewollt je nach «Fähigkeit» ausnützen. PROKOP und SEIDEL haben das 1974 in einer Tabelle einmal zusammengestellt, die in einer Arbeit veröffentlicht wurde, die sich hauptsächlich mit der bei der Akupunktur auftretenden Analgesie befaßt. Sie wird von den Autoren in das Koordinatensystem von Hypnose und Hysterie eingestellt.

Angeblicher Wirkungsmechanismus und Merkwürdigkeiten

Die Anhänger der Akupunktur sind der Meinung, daß durch die Nadelung schnell leitende Nervenfasern im Thalamus die Pforten für den Eintritt von Schmerzimpulsen, die von langsamer leitenden Nervenfasern herangeführt werden, blockieren. Diese Theorie wurde als «gate-control-theory» bezeichnet und errang über die Akupunktur hinaus eine gewisse Popularität. Das zugehörige anatomische Substrat aber soll im Thalamus ventrolateral in den Kernen (WANG 1974) lokalisiert sein. Gegen diese «gate»-Theorie hat KROGER Stellung genommen, wobei er auf Autoren Bezug nimmt, von denen die
Akupunkturärzte ihre Theorie ableiten; einer von den geistigen Vätern (WALL) habe selbst gesagt: «Es gibt nicht ein Zipfelchen eines anatomischen oder physiologischen Beweises eines solchen Svstems».WAN CURA, welche auf die «gate»-Theorie zurückkommt, sieht daher völlig zu Unrecht hier bereits eine «neurophysiologische Erklärung» der Akupunkturanalgesie, wobei die von ihr beigebrachten Tiersuche u. E. einfach nicht einschlägig sind (vgl. WANCURA; hier ist auch die in Anspruch genommene «gate»-Theorie von MELZACK und WALL referiert.) SCHMIDT und STRUPPLER lehnen diese Theorie ab.

«Diese <gate-control-theory> des Schmerzes mußte daher wieder aufgegeben werden. Sie bezog ihre Popularität aus der Eleganz, mit der sie viele Formen der Schmerzblockade oder - gleichgültigkeit in einfacher Form zu erklären schien. Aber ihre experimentellen Grundlagen stimmten von Anfang an nicht(SCHMIDT 1972, 1973). Ihr wirklicher Nutzen lag und liegt in den vielen Denkanstößen, die sie ausgelöst hat.»
Zu den anderen immer wieder in neuem Gewand präsentietren Theorien über den Wirkungsmechanismus der Akupunktur gehört die Behauptung, daß bei der Punktierung körpereigene Opiate, die sog.«Endorphine», freigesetzt werden sowie die Wirkstubstanz dieser - die «Enkephaline». Angenommen, dies wäre der Fall, dann fragt man sich, warum diese im Körper zirkulierenden Substanzen, die mit dem Blutstrom überall hingelangen, gerade an der richtigen Stelle hängen bleiben, also zum Beispiel an der schmerzrezipierenden Stelle der GallenbIase oder im Gehirn an entsprechendem Areal und warumman die Ausschüttung dieser Substanzen im Organismus von einem bestimmten Punkt auslösen muß, der für das schmerzende Organ zuständig ist, also z. B. einem Punkt des Gallenblasenmeridians. Doch die peinliche Frage geht noch viel weiter. Da es je nach Lehre der Akupunktur für ein und dasselbe Organ « Reizpunkte» am Ohr (Ohrakupunktur, gemeint OhrmuscheI) an der Fußsohle, am Hals oder in der Vagina geben soll - oder nach der «klassischen» Lehre im Gesicht, an der Hüfte, am Bauch oder am Oberschenkel Ist es gleichgültig, wo wir stechen ? Wird überall das Endorphin oder Enkephalin «somatotopisch» richtig ausgeschüttet? Die peinliche Frage ist noch nicht zu Ende! Warum dauert eine Akupunkturbehandlung nur 20 Minuten ? Wird denn auch danach über Tage oder Wochen immer noch das «opioide Peptid» weiterproduziert ? Oder narkotisiert das körpereigene Morphin spezifisch, auch wenn der Arzt statt des Gallenblasenpunktes einen in der Nähe liegenden Leberpunkt getroffen hat und wie kann man die oft eng aneinanderligenden Punkte an einer schlaffen Haut eines abgezehrten Kranken unterscheiden oder wenn sich die Haut durch Fettwülste in Falten legt ? Da doch - wiederum je nach der Lehre - in bestimmter Richtung und Tiefe gestochen werden muß, ändern sich dann der Einstichwinkel und die Tiefe? Doch hinsichtlich der Enkephaline, die bei jeder Form von Streß auftreten, auch beim Beischlaf, nach einer Verletzung usw. scheinen schwere Mängel in der Argumentation auch auf methodischen Unzulänglichkeiten zu beruhen. Hierauf hat SKRABANEK hingewiesen, der Arbeiten zitiert, in denen keinerlei Änderung im Enkephalin-Spiegel des Plasmas bei Patienten nach Akupunktur beobachtet werden konnte. 1974 schreibt E. KUHNKE über verschiedene beim Schmerz bzw. beim Schmerzempfinden wirksame Komponenten und belegt, daß Schmerzen als Empfindung und Affekt zwei verschiedene Agentien in sich bergen. Unter Bezugnahme auf seinen Lehrer EBBECKE interpretiert er, daß Schmerz als pathische Information, die im Thalamus eingeht, dort affektiv aufgelden wird oder nicht. Daß die affektive Komponente, welche letztlich den quälenden Charakter eines Schmerzes bedingt, in bestimmtem Umfang aufgehoben oder abgewertet werden kann, ist aber auch der Kernpunkt psychotherapeutischer, psychiatrischer oder affektabwertender Maßnahmen anderer Art (vgl. Abb.8).

KUHNKE hierzu:
«Es kann auch assoziativ eine zukünftige angenehme erwartete Situation einen gegenwärtigen Schmerz zu einem angenehmen Erlebnis werden lassen. Es gelang LOW, dies bei seinen Hundedressuren zu beweisen. Vor der Fütterung wurde ein schmerzhafter Hautreiz gesetzt. In einiger Zeit löste der Schmerz im Hund anstatt eine Flucht oder Fluchtstimmung eine freudige Erwartungsstimmung aus.» Wir halten es für möglich, daß ein schon von einem Leiden durch die «sagenhafte» Akupunktur befreiter Patient assoziativ bedingt reflektorisch das Schmerzerlebnis abwertet.
1. Es gibt eine große Variation hinsichtlich der Zahl der Nadeln, die verwendet werden und auch hinsichtlich der Stellen, die genadelt werden, nicht nur unter verschiedenen Anästhesisten, sondern auch bei ein und demselben Operateur. Ich sah vier Schilddrüsenoperationen, ausgeführt mit drei differenten Akupunkturtechniken.
2. Obgleich auf Frage jeder antwortete, daß die Nadeln an den traditionellen Akupunkturpunkten eingestochen würden, so sah ich eine Anzahl von Fällen, wo die Nadeln nicht durch die klassischen Punkte gestochen wurden, sondern entlang oder perpendikulär zu den Spinalnerven. Überrascht nach solchen Diskrepanzen befragt, wurde geantwortet, daß das Verfahren noch in Erprobung sei und das beste Verfahren für jede Operation noch bestimmt werden müsse.



3. Wenn die Akupunktur wirklich harmlos ist, so wundert man sich, warum das Verfahren nicht Chirurgen und Schwestern in Gemeinde- und Distriktshospitälern gelehrt wird, wo doch dort ein Mangel an Anästhesiegeräten und geschultem Personal besteht. Gerade hier wären solche Vorteile der Akupunktur doch auszunutzen.
4. Wenn die Technik der Akupunktur wirklich so harmlos ist, so ist es doch paradox, warum sie nicht bei Risikopatienten angewandt wird, also z. B. solchen mit einer schlechten Lungenfunktion, Bronchiektasen, schweren Lungenerkrankungen oder solchen mit schlechtem Allgemeinzustand wegen bestehender Komplikation.
Es ist wohl mehr als kurios, daß es für therapeutische Zwecke neben den Akupunkturpunkten auch noch andere Punkte gibt, die ebenfalls mit «Erfolg» gestochen werden können. WEIHE hat die Auffassung vertreten (1886), daß sich alle Krankheiten von Organen und Systemen auf die Körperoberfläche projizierten und dort in Form hyperalgetischer Punkte (nicht wie Head-Segmente) darstellten. Später hat WEIHE dann «beobachtet», daß den jeweiligen Punkten auch ein bestimmtes homöopathisches Medikament entspreche und daß man die Punkte auch durch die Arzneimittelprüfung am Gesunden erzeugen könne. Der Homöopath SCHOELER aber schreibt, daß man an diesen Punkten sterile homöopathische Arzneimittel als intracutane Quaddel injizieren könne und dadurch schlagartige und andauernde Erfolge bekommen könne. Schließlich gibt er seitenweise für rechts und links unterschiedliche Medikamente zu den einzelnen Punkten an (SCHOE LER). Hier sieht man so richtig, wie alles nun einmal zusammenhängt: Homöopathie, Akupunktur und die konkurrierenden WEIHEschen Punkte! Und besonders amüsant sind in diesem Zusammenhang GÖHRUMS methodische Hinweise zu lesen, wie man die Punkte zu ermitteln habe; nach GÖHRUM (zitiert aus SCHOELER):

«Sie wissen, meine Herren, daß die Schmerzpunkte durch Druck auf die betr. anatomisch festgelegten Stellen gesucht werden. Da ist vor allem notwendig, einiges über die Art und Weise des Drückens, die Stärke des Druckes und die Richtung, in der der Druck in Bezug auf die Körperoberflöche oder auf das durchfühlbare Knochengerüst ausgeübt werden soll. Die Beobachtung der Regeln, die hierfür gegeben werden, ist von größter Wichtigkeit für die Richtigkeit der nach der WEIHEschen Methode getroffenen Arzneimittelwahl. Der Druck auf Schmerzpunkte hat stets mit einer Fingerkuppe, am besten des Zeige- oder Mittelfingers, an gewissen Stellen oder bei besonders torpiden Patienten auch mit dem Daumen zu geschehen. Daß die betr. Finger nicht von den in der Gesellschaft so sehr beliebten Chinesennägeln gekrönt sein dürfen, ist selbstverständlich und notwendig, zudem da der Druck auf einen Schmerzpunkt sehr häufig als ein mehr oder weniger scharfes Stechen in die Tiefe empfunden wird. Aus diesem Grunde machen viele Patienten einem den Vorhalt, die Schmerzhaftigkeit der betr. Stelle rühre nur von dem Eingraben des Fingernagels her. Diesem Vorhalt ist natürlich leicht zu begegnen, wenn man die kurzgehaltenen reinlichen Fingernägel vorweist und an nicht bedeckten Körpergegenden das Fehlen eines Nageleindrucks an dem Schmerzpunkte nachweisen kann. Der Druck darf nie rasch, gewissermaßen unvorbereitet ausgeführt werden, sondern hat langsam, allmählich in die Tiefe dringend, zu geschehen. Da die Empfindlichkeit der einzelnen Individuen eine sehr verschiedene ist; so ist klar, daß bei dem einen ein ganz oberflächlicher Druck genügt, um mehr oder weniger lebhaft Schmerzempfindungen hervorzurufen, während bei einemanderen hierzu ein Druck nötig ist, der in die Tiefe dringt, soweit es überhaupt möglich ist. Stets aber ist zu beachten, daß bei einem und demselben Individuum jeder Druck stets mit derselben Schnelligkeit und in derselben Tiefe ausgeführt wird. Ebenso muß die Stärke des Druckes bei ein und demselben Patienten auf alle Schmerzpunkte dieselbe sein, mag man dabei auf Nervenganglien, auf Knochen oder nur auf Weichteile drücken, mag der Druck über gesunden oder erkrankten Partien ausgeübt werden. Man darf durchaus nicht der Ansicht sein, daß die Schmerzhaftigkeit eines Schmerzpunktes, der z. B. auf intensiv entzündeter Grundlage sich befindet, eo ipso größer sein müsse als auf nicht ergriffener Grundlage. Daß die Stärke des Druckes bei verschiedenen Patienten eine verschiedene sein muß, dürfte selbstverständlich sein. Der Druck muß bei torpiden Patienten, besonders den Fettleibigen, meist ein ziemlich starker sein, ebenso bei den Kitzeligen, während bei sehr sensiblen Individuen ein leichtes Betasten genügen kann.»

Nach solchen Feststellungen darf man doch wohl schließen: Wenn es schon so kompliziert ist (hier wurde ja nur ein Auszug aus GÖHRUM gebracht), Schmerzpunkte bei einem Patienten festzustellen, wie schwer muß es dann wohl sein, Akupunkturpunkte zu «ertasten» oder «festzustellen» - und so fragt man wohl auch logisch weiter: Was geschieht dann wohl, wenn eine Injektion statt des WEIHESchen Punktes einen unkt Punkt trifft, wo die Wirkung nach KÖHN-LECHNER doch so verheerend sein kann, daß Sogar unweigerlich eine Fehlgeburt auftritt usw. usw. Daß der ahnungslose Leser spätestens an dieser Stelle merken muß, daß er mit der Akupunkturlehre das solide Gebäude der naturwissenschaftlichen Medizin verlassen hat, ist uns klar und es trifft nicht die Autoren dieses Beitrages. Daß schmerzlose oder schmerzarme Operationen schon vor der «Akupunkturanalgesie» durchgeführt wurden, ist bekannt und die nachfolgende Tabelle, die H. HEIDLER in ganz kurzer Zeit zusammenstellt hat, demonstriert das. Sie ist beliebig erweiterungsfähig. Bei den wortreichen aber sacharmen zahlreichen Darstellungen der Vorzüge der Akupunktur wäre es eine Kleinigkeit, die Autoren mit ihren eigenen Worten zu widerlegen oder gar ad absurdum zu führen, und wir bezweifeln nicht, daß einige aus dem akademischen Lager nach einiger Zeit eine Reue empfinden den darüber, daß sie sich ohne Kenntnis der alten Literatur zu rasch für die Akupunktur vorgewagt haben. Noch schreibt BISCHKO (1974):

Unbestritten ist aber der Hauptvorteil der Akupunkturanalgesie, nämlich die Stabilisierung der Kreislaufparameter. Dies ist so eindrucksvoll, daß man eben nicht mit dem Hinwies auf angenehmere oder bessere Anästhesieformen über die Akupunkturanalgesie hinweggehen kann und will.

In einer bisher offenbar nicht gedruckten Arbeit, die anläßlich eines Mainzer Kongresses 1974 bekannt wurde (BENZER, BISCHKO, PAUSER und THOMA: «Erfahrungen mit der Akupunkturanalgesie») liest man über das Ergebnis telemetrischer Messungen, die in China angestellt und in Wien ausgewertet wurden:

Die Akupunktur kann weder Reflexe unterdrücken, noch kann sie den Kreislauf stabilisieren.

Und vergleicht man die Erfogsstatistik bezüglich der Akupunkturanalgesie des Instituts für Anästhesiologie der Universität Wien, so ergibt sich ebenfalls auch bei Vergleich der Arbeiten (BENZER, MAYRHOFER, PAUSER und THOMA 1974 und BENZER, BISCHKO, PAUSER, THOMA 1974) ein für die Sache der wissenschaftlichen Theoriebildung und naturwissenschaftlichen Deduktion trostloses Bild, wenn etwa bei der ursprünglichen Domäne der Akupunkturanalgesie , der Tonsillektomie, in der Hälfte der Fälle (n = 39) die Akupunkturanalgesie versagt hat. Man muß daher zwangsläufig von ärztlicher Seite von einem medizinischen Rückschritt von ungeheuerlichem Ausmaß sprechen und könnte als Sachverständiger das Wirksamwerden rechtlicher Relevanzen verstehen. Der Patient erwartet vom Arzt eine schmerzlose Operation - aber man verwehrt sie ihm (vgl. Tabelle 11). Mindestens zum jetzigen Zeitpunkt besteht im Hinblick auf ärztliches Handeln bezüglich der Fahrlässigkeitsinterpretationen «Voraussehbarkeit», daß hier ein Verfahren zur Anästhesie eingesetzt wird, das nicht genug oder nichts leistet, eben weil es okkult ist (vgl. im übrigen GALLOON). Hätten sich die Verfechter der Akupunktur-Anästhesie ein wenig mit der Literatur auseinandergesetzt, so würden sie ihre Leidenschaft für dieses hoffnungslos veraltete System wenigstens auf ein Minimum reduzieren. Denn sie würden lesen,

a) daß James ESDAILE 1853 (Perth, Schottland) berichtete, er habe selbst mit mesmeristischer «Anaesthesie» 300 schmerzlose Operationen durchgeführt, und in der Tat gibt es zu dieser Art, Schmerzlosigkeit herbeizuführen, noch mehr Hinweise aus dem 19. Jh. (vgl. PROKOP und DOTZAUER);
b) daß CUSHING verblüfft war, als er sehen konnte, wie Roux 1900 in Lausanne Kröpfe operierte, ohne jede Narkose. Den Patienten wurde gesagt: «Es geht schnell und es muß sein! »
c) daß Theodor KOCHER in Bern zwischen 1895 und 1898 schließlich 600 Thyreoidektomien ausführte ohne Vollanästhesie. Es wurde lediglich eine 1-prozentige Cocain-Lösung zur Anästhesie der Haut der Einschnittstelle angewandt (S KRABANEK).

An der Feststellung, die Akupunktur sei okkult, ändert auch nichts die Tatsache, daß es bereits Lehrbücher der Akupunktur gibt (z. B. MATSUMOTO, 1974), denn auch die Homöopathie, die naturwissenschaftlich ebenso völlig haltlos ist, kann auf Berge von Lehrbüchern zurückblicken.
Freilich, bis die Akupunkturwelle verdientermaßen wieder abebbt, wird noch einige Zeit vergehen, denn die aufgestellten Behauptungen ihrer Vertreter sind so zahlreich, daß immer das eingewandt werden wird, was CLARK und YANG sagen zu müssen glauben, nachdem sie sich mit herkömmlichen Methoden nicht von einer realen Akupunkturanalgesie überzeugen konnten.
Daß die wissenschaftliche Medizin, die unbeirrt den bewährten und nun einmal allgemein geltenden Parametern folgt, auch fürderhin an der Akupunktur kein «Dahinter» entdecken wird, erscheint uns sicher.Wir haben. mit maßgeblichen Vertretern korrespondiert. Am 27. 12, 1975 schrieb uns Prof. BENZER aus Wien, daß auch dort ein wissenschaftlicher Beweis weder für das Vorhandensein der sog. Meridiane oder Meisterpunkte noch für die Gate-Control-Theory erbracht sei. Wer die Schwierigkeiten der Objektivierung des Schmerzes kennt, den wird das nicht verwundern (vgl. schon NAFE und KENSHALO). So ist das «Wunder» der chinesischen Nadeln wie jedes andere Okkult-Mirakel zwar «erfahrbar», aber nicht meßbar.

Tab. II: Wie die Akupunkteure nachhelfen, die Akupunkturanästhesie zu retten
(nach SPROTTE 1973 zusammengestellt und erweitert)

1. Psychische praeoperativ schon einsetzende Betreuung des Patienten mit ständiger Aufklärung über Art und Umfang und Schritte der Operation, um « Kooperationsfähigkeit» zu erreichen
2. Kleine Basisnarkose zur Unterstützung, z. B. Penthotal 20 mg/Kg Körpergewicht
3. Kleine Infiltrationsanästhesie beim Hautschnitt, der meist als schmerzhaft empfunden wird
4. Bei Durchtrennen von Peritoneum und Pleura wird ein Tupfer mit einem Lokalanaesthetikums aufgebracht
5. Schonendste Operationstechnik erforderlich, z. B. Kein Ziehen a m Mesenterium
6. Bei Schmerzen und Mißempfindungen wird eine Pause gemacht, die zur Gabe von Tee oder Apfelschnitzel genutzt wird
7. Wahl neuer Punkte

SPROTTE: «Abschließend ist noch zu klären, welche Vorteile dieses «Reizverfahren zur Schmerzunterdrückung» bieten kann. Nach Zerstörung des magischen Nimbus wird der zweifellos teilhabende Suggestionseffekt der Akupunktur wegfallen, der Rest ist für die Routinenarkose unzumutbar. Für den Risikopatienten liegt die Unzumutbarkeit in der Versagerquote. Ein sogenanntes «Umsteigen» auf herkömmliche Narkoseverfahren nach den ersten Schmerzschreien ist nicht gerade schonend. Auf Leitungs- und Lokalanaesthesien kann man nach eventuell eröffnetem Situs nicht mehr zurückgreifen.»

Daß sich bei dieser Sachlage ein wissenschaftliches Gremium mit der Akupunktur befassen mußte, leuchtet ein. Dies umsomehr, als die durch Presse, Rundfunk und Fernsehen neugierig gewordene Bevölkerung und insbesondere chronische Kranke die Gesundheitsbehörden bestürmten, endlich dieses wunderbare Heilverfahren auch an den Universitäten und im öffentlichen Gesundheitsdienst wirken zu lassen. Die Akademie der Wissenschaften der DDR hat sich daher im Jahre 1980 auf Antrag eines Mitgliedes der Klasse Medizin in einer Kommission mit der Materie befaßt und ist zu einer Deklaration gekommen, die von der weit überwiegenden Mehrheit der Ärzteschaft in West und Ost begrüßt worden ist. Wir geben sie nachsehend im Wortlaut wieder:

«Die Akupunkturlehren fußen auf der Annahme spezieller Punkte auf der menschlichen Haut. Die Punkte sollen auf besonderen, unsichtbaren Leitlinien, den sog. «Meridianen», liegen. Die Akupunkturpunkte sollen ferner mit Organen zu bestimmten Tageszeiten in Korrespondenz stehen. Ein zeitlich begrenztes Anstechen dieser Punkte Soll zur Heilung der verschiedensten Krankheiten führen. Hierbei ist nach den Akupunkturlehren das Metall, aus dem die Nadel gefertigt ist, ebenso von Bedeutung wie die Art der Bewegung (Drehen) der Nadeln, die auch mit Strom, ja sogar Musik, beschickt werden. Je nach Lehre sollen die Punkte entweder über den Körper verteilt oder auf der Ohrmuschel lokalisiert («Aurikulotherapie») sein. Daneben gibt es die Zungen- und Fußsohlenakupunktur. Nachdem besonders in Westeuropa unter Beteiligung ein Ärzteverreinigungen wie auch Laienbehandlern sowie durch Tagespresse, Illustrierte und Fernsehsendungen in der Bevölkerung und z. T. auch bei einigen Ärzten Unsicherheit erregt wurde, sieht sich die Klasse Medizin nach eingehender Prüfung veranlaßt festzustellen:

- Akupunkturpunkte sind der Wissenschaft unbekannt und ihre Existenz ist noch nicht einmal wahrscheinlich gemacht worden. Ihre angebliche Topographie ist bei den verschiedenen Akupunkturlehren gänzlich unterschiedlich angezeigt.
- Alle Verfahren, die Punkte histologisch zu beweisen oder mittels Widerstandsmessung aufzufinden, können nicht überzeugen.
- Der Akupunktureffekt ist punktunabhängig. Er liegt im Rahmen der Effekte, die auch durch andere suggestive verfahren erreichbar sind und ist daher mit der Erwartungshaltung der Kranken korreliert.
- Eine Behandlung von schweren Krankheiten, so Infektionskrankheiten, Organerkrankungen, Systemerkrankungen, Tumorleiden oder Erkrankungen von Sinnesorganen ist nicht möglich. Es ist seuchenhygienisch äußerst bedenklich, wenn beispielsweise die Shigellose zu den durch Akupunktur zu beeinflussenden Erkrankungen gezählt wird.
- Die Heranziehung der Akupunktur zur Narkose leistet nicht mehr als andere Verfahren, die auf Hypnose, Suggestion und Autosuggestion beruhen oder sich der hysteroiden Grenzsituation des Patienten vor der Operation bedienen.
- Die elektrische Durchflutung des Körpers oder Kopfes irgendeiner Art (Elektronarkose, Elektroanästhesie) hat nichts mit der Akupunktur zu tun. Ebenso ist eine Beziehung zu den endogenen Mediatoren nicht erwiesen.- Es gibt zur Zeit keine Veranlassung, eine Bereitstellung von Mitteln zur Akupunkturforschung zu empfehlen, wie auch eine Unterrichtung der Akupunktur bei der Ausbildung der Ärzte absolut entbehrlich ist.»



Diese Erklärung ist 1985 erneut bestätigt worden, da okkultistische Einwände dazu zwangen.





Statt eines Nachworts
Wir streiften durch den Irrgarten des Okkultismus am Ariadnefaden der Naturwissenschaft. Am
Ausgang des Labyrinths verbleibt uns nur eine Warnung - vor dem Eintritt. Denn dort ist nichts zu finden, was die Erkundung lohnt; es sei denn die alte Feststellung, daß es mit dem Okkulten nichts ist. Von den zahlreichen parawissenschaftlichen Theorien konnte keine einzige verifiziert oder auch nur wahrscheinlich gemacht werden. Parapsychologie und Paramedizin sind eben nicht die empirischen Wissenschaften, die sie zu sein vorgeben, sondern ein monströs - abstruser Mischmasch aus Glauben und Rationalismus. Elementare mythische Vorstellungen, uralter Volksaberglaube, Wahnideen und andere abnorme seelische Erlebnisse werden hier mit pseudowissenschaftlichen Argumenten zu objektiven Tatsachen umgefälscht; Sympathie- und Zauberglaube, prälogische Seelenvorstellungen und andere primitiv-magische Volksanschauungen sollen als Realitäten «wissenschaftlich bewiesen» werden. In seinem monomanischen Bestreben, eine «andere» Wirklichkeit, einen «verborgenen» Sinn hinter den Dingen zu erlangen, erweist sich der Okkultismus, wie BRY es formulierte, als geistiges « Hinterweltlertum» und damit als verkappte Religion. Aller Fluß hochtönender Phrasen und wissenschaftlich klingender Fremdworte kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier « Alleingültiges für Allgemeingültiges» ausgegeben ist mit all den Gefahren, die in unserer wissenschaftsgläubigen Zeit ein solch verschleierter Absolutheitsanspruch für die körperliche und geistige Volksgesundheit mit sich bringt. Wohin es führen kann, wenn Wahnvorstellungen und Lügenmärchen durch Scheingelehrte als unbestreitbare Naturtatsachen hingestellt werden, zeigt uns in eindringlicher Weise die Vergangenheit. An den Verbrechen der Hexenverfolgungen, jener Warnungstafel der Geschichte, erkennen wir, daß auch in der Wissenschaft nichts folgenlos bleibt, und sei es auch der größte Blödsinn. Wir können hier von unseren skeptischen Vorfahren nur lernen. Sie waren in diesen Dingen viel hellhöriger, denn für sie waren die Folgen des Okkultismus augenfällig. Man muß sich das vergegenwärtigen: Während dreier Jahrhunderte gab es in ganz Europa nur wenig größere Orte, die nicht von den Schmerzensschreien der im Zauberwahn gepeinigten Menschen widerhallten. Überall wurden Scharen in Verliese geworfen, bestialisch gemartert und auf fürchterliche Weise verbrannt. Fast jeder hatte einmal, vielleicht als Kind schon, auf einem Richtplatz die Flammen der Scheiterhaufen lodern sehen, in denen man alte - und auch junge Frauen lebendig röstete (vgl. Abb. 41); die Henkerlisten verzeichnen oft Hunderte von Opfern an einem Tag. Widerstand erschien sinnlos, prallte an der Mauer abergläubischer Dummheit ab, war glatter Selbstmord. Selbst ein v. SPEE wollte verzagen: «Gott weiß es, wie oft ich das unter tiefen Seufzern in durchwachten Nächten überdacht habe und mir doch kein Mittel einfallen wollte, der Wucht der öffentlichen Meinung Einhalt zu gebieten.» Es mußte erst eine robustere Generation heran wachsen, die sich vom Popanz der Autoritäten» nicht mehr beeindrucken ließ. Es waren die Väter der«.Aufklärung, die erkannten , daß es verlorene Liebesmühe ist von, hohlköpfigen Fanatikern Einsicht und Wandlung zu erhoffen; hier ist schwereres Geschütz vonnöten. Samnue PUFENDORF, der große Rechtslehrer empfahl deshalb seinem großen Schüler THOMASIUS: «Wir haben es mit harthäutigen Tieren zu tun, und man muß sie mit der Mistgabel kitzeln.» THOMASIUS hat das Rezept erfolgreich angewandt. Mit grimmigem Hohn entlarvte er die gelehrten Hexengläubigen als « Abschreiber ohne Verstand und abergläubische Nacherzähler alter Weiberlehren». das altdumme Okkultistenargument von der «verblüffenden Gleichförmigkeit der Zeugenberichte» zerschmetterte er durch die einzige spöttische Frage, was wohl von Tausenden untereinander übereinstimmenden Aussagen zu halten sei, daß eine Hexe im Himmel gewesen, mit St. Petrus getanzt und mit dessen Jagdhund geschlafen habe ? Erst dadurch, das THOMASIUS auf diese derbe Weise die Schreibtischtäter dieses Aberglaubens, die gelehrten Hexenmörder, der allgemeinen Verachtung und Lächerlichkeit preisgab, gelang es, dem Massenmorden ein Ende zu setzen. Dem finsteren Spukgebilde schien endgültig der Garaus gemacht. «Fallet nieder, alte gute Mütterchen, fallet nieder und danket Gott, daß diese Zeiten vorüber sind! » frohlockte darob MANNHART noch vor 5O Jahren. Ist die Gefahr wirklich vorüber ? Wir dürfen dessen nicht allzu sicher sein. Wie wir gesehen haben, ist der alte Zauberglaube keineswegs ausgerottet. Ein großer Teil des Volkes glaubt nach wie vor felsenfest an das Walten okkulter Kräfte, und in der parapsychologischen Lehre von der «Psychokinese» feiert der ganz nackte Hexenwahn auch in gelehrten Köpfen wieder fröhliche Urständ.
Wenn wir beobachten, wie die alte Afterwissenschaft sich heute selbst an Universitäten wieder breitmacht, dann sind wir versucht zu fragen, ob denn Männer wie WEIER, HARSNETT, v. SPEE, WEBSTER, BEKKER und THOMASIUS umsonst gelebt haben und ob MANNHART nicht zu früh gejubelt hat. LEHMANNS Hoffnung, daß der Glaube an die Magie mit der fortschreitenden Erkenntnis der Naturgesetze schwinden werde, hat sich jedenfalls als eitel erwiesen. Durch die mit Hilfe der prookkultistischen Massenpresse gegenwärtig betriebene permanente Falschinformation des Publikums ist es im Gegenteil bereits wieder soweit gekommen, daß Millionen fest an Astrologie, Prophetie, Hellsehen, Telepathie, Hexenzauber, Gespenster und ähnliche mittelalterliche Wahnvorstellungen glauben. Selbst Gebildete werden durch die einseitigen Berichte, in denen die vernichtende Kritik der Naturwissenschaftler in aller Welt unterschlagen wird, irregeführt. Eine zunehmende Kritiklosigkeit, unklares und verschmiertes Denken läßt auch intelligente Menschen mystisch- irrationalen Vorstellungen nachhängen. Nüchterne Selbstbesinnung, rationale Intention, mit anderen Worten Vorsicht und Vernunft wollen schwinden. Ein Teil des Abendlandes scheint Abschied zunehmen von der griechischen und lateinischen Klarheit, ohne die es niemals Wissenschaft gegeben hätte. Da Wundermärlein meist eine sehr viel stärkere Faszination ausstrahlen als klare wissenschaftliche Deduktionen, dürfte es nur eine Zeitfrage sein, wann sich die unheilvo11e Massensuggestion zur ernsten Gefährdung der Allgemeinheit ausgewachsen haben wird - wenn nicht mehr sachgemäße Aufklärungsarbeit geleistet wird. Schon FREUD sah schwarz:
«Von der ersten Zustimmung an werden die Okkultisten ihre Sache für siegreich erklären, sie werden den Glauben von der einen Behauptung auf alle anderen ausdehnen, von den Phänomenen auf die Erklärungen erstrecken, die ihnen die liebsten und die nächsten sind. Die Methoden wissenschaftlicher Untersuchung sollen ihnen ja nur als Leiter dienen, um sich über die Wissenschaft zu erheben. Wehe, wenn sie so hoch gestiegen sind! Und keine Skepsis der Umstehenden und Zögernden wird sie bedenklich machen, kein Einspruch der Menge sie aufhalten.Sie werden als Befreier vom lästigen Denkzwang begrüßt werden, alles, was seit den Kindertagen der Menschheit und den Kinderjahren des Einzelnen an Gläubigkeit bereit liegt, wird ihnen entgegenjauchzen. Ein fürchterlicher Zusammenbruch des kritischen Denkens, der deterministischen Forschung, der mechanistischen Wissenschaft mag dann bevorstehen wird ihn die Technik durch ihr unerbittliches Festhalten an Größe der Kraft, Masse und Qualität des Stoffes aufhalten können ? »
Von dem besonderen Hang unseres Volkes zum Mystizismus sprach bereits Ricarda Huch. Nicht ohne Grund haben die Exzesse des Hexenwahns ihr schrecklichstes Ausmaß in den Ländern deutscher Zunge erreicht. Wer garantiert, daß solche Epidemien sich nicht wiederholen und daß nicht eines Tages ein neuer SPEE wieder verzweifelt ausrufen muß: «Sehet Deutschland, so vieler Hexen Mutter!» Wir wollen aber keine neuen Hexenbrände. Wir haben die Nase noch voll von dem Leichengeruch, den die Greuelmärchen früherer Spuk- Professoren erzeugt haben. Schon Francis BACON hat die Magie von den Naturwissenschaften geschieden. Nach dem Siegeszug der Empirie ist diese Trennung nicht mehr rückgängig zu machen. Für derlei « Magia naturalis» hat Europa mit Millionen Scheiterhaufen bereits teuer genug bezahlt. Es reicht jetzt. Wir wollen den Okkultisten ja gern ihren Aberglauben lassen. Der Glaube ist frei, auch der Glaube an Blödsinn. Wer jedoch in rückwärts gewandter « Revision der Aufklärung» solchen Glauben wieder als «Wissenschaft» unter die Leute bringt, macht sich der Volksverdummung schuldig und muß in seine Schranken verwiesen werden. Zur Verbreitung sektiererischer Glaubensvorstellungen ist jederzeit Platz in den Kultsälen von Tempeln, aber nicht in den Hörsälen der Universitäten. Das Elend, das Sektierer mit wissenschaftlichem Anspruch angerichtet haben - und, wie wir auch auf anderen Gebieten sehen, täglich noch anrichten -, ist so groß, daß wir hier nicht lässig schweigen dürfen. Zum Schutz des Allgemeinwohls ist hier jeder Einsichtige moralisch verpflichtet, von seinem Recht der Kritikfreiheit Gebrauch zu machen, um dem scheußlichen Bastard von Aberglauben und Pseudowissenschaft, als welcher auch der moderne Okkultismus daherhinkt, den Kehraus zu bereiten. Denn,
"es gibt nichts Schändlicheres in der Welt als sich auf Lügen und Märchen einzurichten"

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